Church of Euthanasia

The One Commandment:
"Thou shalt not procreate"

The Four Pillars:
suicide · abortion
cannibalism · sodomy

Human Population:
SAVE THE PLANET
KILL YOURSELF



Dada und Religion

Die "Church of Euthanasia" in Deutschland

von Haimo Schulz Meinen

Mit nur wenigen Hundert Mitgliedern, darunter auch einigen Deutschen, ist die 1992 in den USA gegründete "Church of Euthanasia" zwar keine bedeutende Religionsgemeinschaft, doch sind die Parolen, mit denen der schräge Dada-Kult auf sich aufmerksam macht, umso provokativer. "Eßt Menschen, nicht Tiere!", "Wahre Männer tragen Röcke", "Lehrt Onanie!", "Sterilisierung von Männern verhütet Abtreibung!", "Friß 'nen Fötus, das freut Jesus!" - dies ist nur eine Auswahl von Slogans, die die "Kirche des schönen Todes" auf Ansteckknöpfen verteilt. Phantasievolle Happenings, Predigten im Internet (www.churchofeuthanasia.org) und Liedtexte kritisieren Überbevölkerung, provozieren Abtreibungsgegner und propagieren Vegetarismus und zeugungsfreien Sex. Kirchengründer Chris Korda, 1962 in New York als Sohn des Schriftstellers Michael Korda geboren, hat zwei CDs mit Techno-Trance veröffentlicht und trat im Sommer auch auf der Berliner Love-Parade auf.

"Wir empfehlen eine Überdosis Schlaftabletten zu schlucken und eine große Mülltüte aus Plastik am Kopf festzuschnüren," rät die "Kirche des schönen Todes" in ihrer Infobroschüre "Welches ist der beste Weg, mich umzubringen?" Wer zuvor der Kirche beitrete, werde darüber hinaus "ohne zusätzlichen Papierkram" zu einem Heiligen. Am 19. März 1997 feierte die "Church of Euthanasia" einen ersten Bekehrungserfolg: 21 Frauen und 18 zum Teil kastrierte Männer der Gruppe "Heaven's Gate" befreiten sich bei San Diego in Kalifornien von ihren "Containern", um eine Ufo-Reise ins All anzutreten (siehe connection 7-8 / 97).

In Hannover, wo die deutsche Zweigstelle der Kirche ansässig ist, sind die Erfahrungen enttäuschender: "Church of Euthanasia, 1992 in den USA gegründet, jetzt auch in Deutschland: Erzeugungsfrei, sexfreundlich, vegetarisch, gewaltlos. Chiffre xy," so sollte der Kleinanzeigentext lauten, berichtet der Euthanasieanhänger Martin D. Die Hannoversche Allgemeine weigerte sich jedoch, das Inserat zu veröffentlichen. Martin, 35 Jahre alt und hauptberuflich Zeitungsausträger, kann sich in punkto Mediengewandtheit nicht mit dem Gründer der Kirche, Chris Korda, messen. Der gutaussehende Bostoner Chris Korda ist oft in Frauenkleidern anzutreffen und so sehr die tragende Figur der Bewegung, daß sich niemand die Kirche ohne ihn vorstellen kann. Er selbst schon gar nicht.

Mit über tausend e-mail-Kontakten und einigen hundert Trägern aufwendig gestalteter Mitgliedszertifikate ist die seit 1994 offiziell als Kirche registrierte und im Bundesstaat Delaware sogar als gemeinnützige Einrichtung von der Steuer befreite "Church of Euthanasia" ein Aktionistenverein, der es versteht, ernste Anliegen, religiöse Überhöhung und anarchischen Humor miteinander zu vereinbaren. Sogar der Gründungsmythos ist eine gekonnte Selbstpersiflage mit Zitaten anderer Religionsgründungen: Im Traum begegnete Gründer Chris Korda einer fremden Intelligenz, genannt "Das Wesen". Das Ökosystem sei zerstört, sagte die Erscheinung, doch die Führer der Menschen leugneten es. Warum glaubten so viele Menschen diese Lügen, wollte "Das Wesen" wissen. Korda erwachte schweißgebadet und rief stöhnend den ersten Slogan der Kirche aus: "Save the planet - kill yourself."

Es gibt zu viele Menschen

Die "Kirche der Euthanasie" führt die Umweltkrise auf eine Hauptursache zurück: Eine einzige Art lebe in Unzahlen und im Überfluß: der Mensch. "Die gegenwärtige Bevölkerungszahl beträgt 5.954.997.508, aber Kevorkian holt auf ..." heißt es auf ihrer Internet-Seite mit Anspielung auf den umstrittensten Sterbehelfer der USA, Dr. Jack Kevorkian, zugleich Namenspatron des kircheneigenen Plattenlabels. Mit ihren Aktionen will die Kirche einen "massiven Bewußtseinssprung" bewirken. Die Menschheit solle sich als An bewußt werden und ihre Zahl verringern. Hauptgebot für die Anhänger ist es darum, keine Kinder zu zeugen. Korda verkaufte seine "Kill yourself'-Anstecker auf dem Parteitag der Demokraten und zog sich Faustschläge zu, als er vorgab, Anhänger der Republikaner zu sein. Seine Kirche trug riesige Abtreibungspillen durch die Straßen von Boston, begegnete Demonstrationen von Abtreibungsgegnern mit gekreuzigten Sexpuppen und lebensgroßen männlichen Pinups und stellte einen rosaroten 4-Meter-Penis am Eingang einer Samenbank auf. Diese jedoch weigerte sich, "ihre Spermien herauszugeben", berichtet die Kirchenchronik, "und die Kirche war gezwungen, Sperma auf der Eingangstreppe zu schlachten." Eine Telefon-Hotline zur Selbstmordberatung wurde eingerichtet und wieder verboten. Vor einem Supermarkt wurde ein Menschengrill aufgebaut, Menschenfleisch zum Verkauf angeboten und zu einem kannibalischen Geschmackstest eingeladen.

"Demons in my head" war 1993 Kordas erste CD auf Kevorkian Records. Im August 1997 brachte er bei den Münchener International Gigolo Records "Save the planet, kill yourself" heraus. In Deutschland, erklärt sein Produzent Josef Eschker, habe Kordas "seine Liebe zum Produzieren entdeckt". Vergangenen Juli erschien die Maxi-CD "Sex is good."

Zeugung ist Mord, Sex ist gut

Anhänger in Hannover haben mit Korda nur per e-mail Kontakt. Martin ist aber voller Hoffnung. Sein deutscher Zweig des "Kultes des schönen Todes" solle "ein Zufluchtsort werden für Menschen, die sich mit den existierenden Regeln und Zwängen nicht abfinden können. Wir haben nur einen einzigen Grundsatz: zeugungsfrei zu leben. Darein sollten alle Weltanschauungen passen, ob nun vegetarische oder fleischessende'." Es gebe zahllose Gruppen, die den konsumistisehen Wahn abschaffen wollten. Sie müßten sich nur zusammenschließen und untereinander toleranter sein, dann wären sie stärker.

"Für mich ist es praktisch Mord, ein Kind zu zeugen." Neu gezeugte Kinder seien eine existentielle Bedrohung der bereits lebenden Menschen und Tiere, erläutert Märtin. Statt Kindergeld zu beziehen, sollten Menschen mit mehr als einem Kind eine Strafabgabe zahlen. Auf dem Kopf ihrer Internet-Seite propagiert die Kirche die vier Grundprinzipien des guten Lebens: Freitod, Abtreibung, Kannibalismus, und Sodomie. All diese Aktivitäten seien sinnvoll oder machten Spaß, ohne daß dabei weitere Kinder gezeugt würden. Kannibalismus sei jener Fleischkonsum, den die Kirche unverbesserlichen Fleischessern zugestehe, nämlich den Verzehr toter menschlicher Körper, Besser jedoch sei es, überhaupt kein Fleisch mehr zu essen. Sodomie wiederum, erklärt die Kirche eigenwillig, sei jede Form der Sexualität, die nicht der Fortpflanzung diene. Praktiken wie Anal- und Oralverkehr seien noch in vielen Ländern verboten - sie, die "Church of Euthanasia" hingegen, würde diese Praktiken gutheißen.

Nutze den Tag, sei ein Ärgernis!

"Rede mit den Leuten, werbe schamlos Mitglieder, schreibe Leserbriefe und gelange ins Radio oder Fernsehen!" fordert die Kirche ihre Anhänger auf. "Sei ein Ärgernis, verursache Unruhe, stoße die Menschen vor den Kopf, besonders Deine gebärenden Freunde. Nutze den Tag!" In Deutschland hat Martin bisher rund 15 Menschen intensiv beworben. Die meisten hätten sich positiv geäußert, berichtet er, doch nur wenige hätten sich als Kirchenmitglied registrieren lassen.

Markus S., 27 Jahre alt, Verkäufer in einem Tiernahrungsgeschäft in Hannover, evangelisch erzogen, ledig, lebt allein und bezeichnet sich selbst als "ewigen Junggesellen." "Ich will keine Kinder haben. Einen längeren Beziehungsbund kann ich mir vorstellen, einen Ehebund nicht." Bevor er zum "Kult des schönen Todes" fand, hatte er Erfahrungen bei den Jesus-Freaks gesammelt. "Meine Freunde sind teils alternativ, teils sehr bürgerlich. Wenn ich denen von der 'Church of Euthanasia' erzähle, denken sie, wir gehen nachts in den Zoo und vergewaltigen die Ziegen." Zwar sei er vom Vegetarismus überzeugt, denn bei fleischlicher Ernährung gingen 90 Prozent der Nahrungsenergie verloren, z. B. bei der Verfütterung von pflanzlicher Nahrung an Schweine, doch finde er wenig Geschmack an vegetarischen Gerichten. "Tofu finde ich nicht so toll. Da esse ich lieber mal ein Stück Fleisch."

Anarchie des Schöpferischen: Dada

Korda und seine Anhänger sehen sich in der Tradition des Dada. Diese avantgardistische Kunstbewegung führte zwischen 1916 und 1924 in New York, Zürich, Paris, Berlin (und mit Kurt Schwitters in Hannover) Ideen und Formen des Expressionismus weiter. Mit clownesken Happenings und Nonsensgedichten propagierten Dadaisten wie Marcel Duchamp, Hans Arp, John Heartfield und Tristan Tzara die Anarchie des Schöpferischen und stellten die Kunst radikal in Frage. Sie feierten das Chaos des Lebens und forderten, der ästhetische Zuckerguß solle von der schauerlich-unsinnigen Wirklichkeit entfernt werden.

Mit ihrem weniger auf Kunst, denn auf Wirklichkeitsveränderung abzielenden kultischen Aktionismus hat die "Church of Euthanasia" eine Parallele zur Frühzeit des Dada. Unter der Leitung des Dichters, Spaßpolitikers und Egomanen Gabriele D'Annunzio und des Yoga-Politikers, Piraterie- und Aktionssekretärs Baron Guido Keller eroberten 2500 desortierte Soldaten und eine wild zusammengesetzte Schar aus Intellektuellen, Anarchisten und Irrenhausinsassen im Jahre 1919 die nordkroatische Stadt Rijeka und hielten sie 16 Monate lang besetzt, um die Preisgabe der Stadt durch den Kriegsverlierer Italien zu verhindern. Sie gaben sich eine anarchistische Verfassung, in der sie dem "schönen und würdigen Leben" und den "mystischen Kräften des aufsteigenden Volkes" huldigten, finanzierten sich durch Piraterie auf der Adria und veranstalteten ausschweifende Orgien und Gelage.

Findet die Kirche des schönen Todes einen für sie ähnlich geeigneten Platz wie ihre Vorläufer an der Adria, könnte der Schritt zu einer bedeutenden Religion möglich werden.

Haimo Schulz Meinen (31), heute Journalist bei einer Tageszeitung in Hannover, hat Politik und Religionswissenschaft studiert. Seine Doktorarbeit über die religiösen und naturzerstörerischen Menschenrechte wurde von den Fachprüfern für gut befunden, die Fakultät an der Universität Hannover lehnte sie jedoch ab. Anfang kommenden Jahres erscheint sie im Diagonal-Verlag.

Hände weg von den Vorhäuten!

Der Gründer der Church of Euthanasia im Gespräch mit Haimo Schulz Meinen

Meinen: Reverend Korda, Sie sind jetzt 36. Das ist ziemlich alt für jemanden, der zum Selbstmord aufruft, um die Erde zu retten. Wann bringen Sie sich um?

Korda: So alt bin ich noch nicht. Meine Aufgabe ist bei weitem noch nicht erfüllt.

Meinen: Was war Ihre letzte Aktion?

Korda: "Earth Day 1998" haben wir mit 25 Leuten in Boston demonstriert und unsere Banner hochgehalten: "Rettet die Erde, tötet Euer Selbst!" Außerdem schockten wir die Anwesenden mit unserem Baby-Verbrenner.

Meinen: Ist eine weitere Veranstaltung geplant?

Korda: Wir werden uns demnächst vor einer Firma aufbauen, die menschliche Vorhäute genetisch verändert. Wann, steht noch nicht fest. Menschliches Gewebe für genetische Zwecke ist schwer zu bekommen, deswegen machen die das. Ich bin dagegen.

Meinen: Vorhäute. Ja, die Aktion paßt zu Ihnen. Sie haben zwei ihrer drei CDs in Deutschland aufgenommen. Im Juli erschien "Sex is good". Haben Sie auf der Berliner "Love-Parade '98" auch gesungen?

Korda: Nein. Es war eine Techno-Vorführung mit Tanz und elektronischer Ausrüstung. Ich trat in Berlin, Ulm, Sarajewo und Köln auf.

Meinen: Wieviele Mitglieder hat Ihre Kirche heute?

Korda: Hunderte weltweit und sechs oder sieben in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Noch mehr aber sind es in den Niederlanden.

Meinen: "Church of Euthanasia" ist für deutsche Zungen ein bißchen schwierig. Glauben Sie, daß der Name hier ein Verbreitungshemmnis ist?

Korda: Wir lassen den Namen so stehen. Der erzeugt Verwirrung, und die hilft uns. Klar gibt es hier die Nazivergangenheit, so daß Euthanasie in Deutschland nicht immer als selbstbestimmter Akt verstanden wird. Aber so provozieren wir eben.

Meinen: Was heißt Dada für Sie? In Bochum, schreiben Sie, haben Sie vor einer Gruppe Dadaisten gesprochen. Haben die sich selbst so genannt oder waren Sie es?

Korda: Ich habe sie so genannt, es waren hochinteressante Chaoten. Dada ist kein fester Zustand, es ist mehr wie eine Störung, eine Unterbrechung. Es hat den Sinn, die Weltanschauungen der Leute auf den Kopf zu stellen. Dada ist ein Fortschritt. Dada muß sich auch immer mit der aktuellen Umgebung auseinandersetzen.

Meinen: Sie schreiben, der Anarchist Abbie Hoffmann habe Sie inspiriert. Wer war das?

Korda: Sie kennen Abbie nicht? Abbie war Gründer der Hippies und Verfasser von "Klau mich", ein früher Anarchist und Situationist. Er ließ mal Geld in der Wall Street regnen. Jetzt ist er tot. Ich bin mit seinen Kindern befreundet, die wohnen bei mir in der Nähe, bei Boston.

Meinen: Haben Sie schon einen Nachfolger als Leiter der Kirche bestimmt?

Korda (Überrascht): Nein, verdammt, das haben wir noch nicht! Wir waren da wohl ein bißchen sorglos.

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