Church of Euthanasia

The One Commandment:
"Thou shalt not procreate"

The Four Pillars:
suicide · abortion
cannibalism · sodomy

Human Population:
SAVE THE PLANET
KILL YOURSELF



Die Welt ist Nicht shön

Chris Korda

Text: Katja Schwemmers

Ein fieses Gefühl schleicht sich in die Magengegend. Irgendwo zwischen Wut, Angst und Neugier über Gelesenes, Gedachtes, zu Erwartendes. Denn der Musiker, den es an Londons Heathrow Airport zu treffen gilt, denkt anders als der Durchschnitt, radikaler, vielleicht sogar "unmenschlich". Chris Korda ist ebenso "Reverend der Church of Euthanasia", jener Glaubensgemeinschaft, die Suizid, Abtreibung und Kannibalismus durch provokante Aktionen, Schriften und - bezogen auf Kordas Person - in elektronischen Songs propagiert. Die Mitglieder der COE indizieren Fortpflanzung als einziges Verbot, treiben Sex nur zum Spaß. "Fuck the pain away" sozusagen, weil der Mensch - "das Krebsgeschwür der Welt" - zerstört und entfernt werden muss von diesem Planeten. Auch deshalb bohrt die Frage: Wie gibt sich der Menschenfeind, und wie soll man ihm begegnen?

Der Flug aus Boston hat Verspätung, verfehlen wird man sich nicht. Wohl auch, weil Korda mal als Frau und mal als Mann unterwegs ist, verständigten sich die Beteiligten auf ein T-Shirt als Erkennungszeichen: "Save the planet, kill yourself", werde auf seinem stehen, so Korda vorab am Telefon. In diesem Fall kein trashy Popkultur-Statement, sondern seine "bekannteste Arbeit". Korda ist ein unscheinbarer Mann mit Strohhut - heute. Sein feingezeichnetes Gesicht wird von Haar in Straßenköterfarbe umspielt, welches er halblang trägt, wohl, um Perücken einfacher daran befestigen zu können. Denn in Chris Korda steckt die äußerst attraktive Chrissie, die im Booklet der neuen CD mit dem umso kurioser anmutenden Titel "The Man Of The Future" zu betrachten ist. "Ich war Crossdresser, bevor die Kirche entstand, und ich glaube daran, dass eins zum anderen führte", meint er höflich. "Crossdressing steht für das Ungleichgewicht gesellschaftlich definierter Geschlechterrollen, wohingegen unsere Kirche sich mit dem Ungleichgewicht des Menschen zur Natur beschäftigt. Also sind die Unausgewogenheiten des Gender als Mikrokosmos des planetarischen Ungleichgewichts zu verstehen. Und indem ich die Balance bei mir selbst wiederherstellte, öffnete ich mein Bewusstsein für die Probleme unserer Spezies, die die Wurzeln der Kirche bilden." Korda verweist auf das "SCUM Manifest" von Valerie Solanas, das die Idee, Männer seien nur unfertige Frauen, furios auf die Spitze treibt. "Ich könnte auch damit argumentieren, dass Dominanz im wesentlichen männlich ist. Und ich durch die Wahrnehmung meiner femininen Seite diese Dominanz ablege."

Ein Urwald aus Thesen, Ideologien und Kontroversen umgeben diesen Musiker. Seine Platten erscheinen auf Gigolo Records, und das nicht nur, weil DJ Hell einst einen seiner Tonträger in einem Independent-Shop in New York für sich entdeckte und Korda ihn heute als seinen Freund bezeichnet. Deutschland ist Kordas spirituelles Zuhause. "Wenn sich eine Nation dafür schämt, deutsch zu sein, ist sie nah dran, sich dafür zu schämen, Mensch zu sein", resümiert Korda, der sich kürzlich für ein Promo-Foto in einen KZ-Ofen in Dachau legte. Wenn er im Titeltrack seiner CD die Zeilen "I belong to the master race" singt, ist dies in erster Linie dazu geschaffen, in Deutschland gehört zu werden. Korda selbst erholt sich gegenwärtig in einem Buch von der Unmenschlichkeit und der eigenen Scham. "Zu diesem Erholungsprozess gehört, mir selbst zu erlauben, nur Musiker zu sein, es zu genießen. Auf der neuen Platte sind non-politische Songs, das ist sehr befreiend. Sie ist musikalischer, weniger ideologisch. Das ermöglicht mir, in beidem konkreter zu werden." Das Artwork spricht mit abgebildeten Spermen, Strichmännchen und einem roten Planeten Erde als Referenz an Überbevölkerung noch eine andere, seine gewohnte Sprache. In den neuen Songs erweckt Korda quirlige 90er-Elektronik zum Leben. Sein musikalischer Background entspricht dabei dem eines Technikers, nicht etwa eines DJs: "Ich arbeite an Kompositionen, Harmonien, Melodien und Rhythmus. Es ist sehr starke, emotional beseelte und in Tradition geerdete Musik. Sie soll künftig noch anspruchsvoller und ihrer Zeit voraus klingen". Trotzdem sind es wieder die ideologischen Songs, die den Gesprächsstoff liefern. "The Man Of The Future" setzt einen direkten Bezug zu den Aussagen des inhaftierten Ted Kaczynski. Dieser lieferte mit seinem "Unabomber Manifest" eine Anklageschrift gegen Gen- und Computertechnologen, die die Menschen versklaven und ihre Natur deformiert hätten und dabei seien, die Erde dem Untergang auszuliefern. Kontrovers auch "I Like To Watch", jene sexuell angefixte Betrachtung von Nine-Eleven, die auch deshalb viel Staub aufwirbelte, weil im dazugehörigen Video dem WTC die Rolle zweier Phallus- symbole zukommt. Zehn Labels hatten sich seinerzeit geweigert, das Stück als Single herauszubringen. Korda festigte indes sein Image als Feind der Gesellschaft - etwas, was den Anti-Humanisten mit dem Anti-Christen verbünden dürfte. Aber nein: "Wenn jemand, der so berühmt-berüchtigt ist wie Marilyn Manson, nur über harmlose Dinge ohne Bedeutung spricht, ist das kriminell. Manson wurde längst absorbiert vom System. Meine Arbeit könnte niemals Teil des Systems werden. Damit bin ich vorsichtig."

"The Man Of The Future" von Chris Korda ist bereits bei International Deejay Gigolos/EFA erschienen. Mehr unter: www.churchofeuthanasia.org

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